Viel Häme hat er einstecken müssen, der Herr Parteivorsitzende. Deutschland sei das “coolste Land der Welt”, rief er seinen Stolz auf das Land hinaus, das ihn hat groß werden lassen. Und wurde auf Twitter & Co. gleich ins Visier genommen. Eine Steilvorlage, die zum sicheren Abschluss einlädt – klare Sache. Denn gerade Rösler und die FDP lassen gerne jede Coolness vermissen. Steif kommen sie daher, ganz uncool ist der asiatischstämmige Parteichef in Sachen Kanzlerkandidatur abgesägt worden, zugunsten des wandelnden pfälzer Herrenwitzes, der wie ein Stein auf der Seele vorwärtsgewandter Liberaler liegen dürfte. Da hilft auch ein wahltaktischer Ausflug in eine gönnerhaft duldende Schwulen-Toleranz wenig, die offen sichtbar weit von wahrer Akzeptanz entfernt ist. Kein Wunder also, dass es sarkastische Tweets hagelt (ich konnte es mir auch nicht verkneifen) und die Partei für diesen Ausspruch mehr Presse bekommt, als für so manche politische Aktion.

Dabei liegt Rösler nicht einmal so falsch: Deutschland ist ein cooles Land. Deutschland ist so cool, dass jeder den Parteien seine Gegenmeinung entgegentwittern kann und jeder, der meint, im September dafür sorgen kann, dass der FDP die Coolness vergeht. Wahlfreiheit ist in vielen Ländern der Erde eine Illusion. Deutschland ist so cool, dass eine unabhängige Justiz den Gesetzgeber gelegentlich an seine Pflichten erinnern kann und die Verfassungmäßigkeit der Gesetzgebung überprüft – Kauder hin, Seehofer her. Schon im nahen EU-Partnerland Ungarn könnte das erschreckenderweise bald Geschichte sein. So cool ist dieses Land, dass die Allermeisten gut versorgt sind und das Jammern auf hohem Niveau kultivieren können. Wem es alles wo überall schlechter geht, braucht man wohl nicht erwähnen. Im Vergleich schneidet Deutschland in vielerlei Hinsicht wirklich gut ab.

Das allerdings ändert nichts daran, dass Deutschland “noch cooler” werden könnte. Dass viele Menschen sich von der Politik und den Politikern in ihrer Lebensrealität nicht mehr verstanden und vertreten sehen. Dass es vielen nicht reicht, nur ein Auskommen zu haben, sondern stärker Teil haben wollen am gesamtgesellschaftlichen Wohlstand. Dass es auch in Deutschland gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Generationenkonflikte gibt, die man anpacken und lösen muss, anstatt sie mit markigen Sprüchen auszusitzen oder mit durchsichtigen Wahlkampfmanövern zu umschiffen. Dass vielen das stetige stumpfe Reagieren einer überforderten Politik zu wenig ist, und sie sich visionäres Agieren wünschen. Uneigennützig, parteiübergreifend, pragmatisch, nachhaltig. Ganz ohne Szenenapplaus – denn das wäre, um im Rösler-Sprech zu bleiben, mal “richtig cool”.

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